6. Januar – Segen an der Schwelle zum Neuen

Die Bedeutung des 6. Januars kennen die meisten heute vor allem in seiner Ausprägung als Dreikönigstag: Kinder ziehen als Sternsinger von Haus zu Haus, schreiben Segenszeichen an die Türen und erinnern an die Ankunft der Heiligen Drei Könige. Doch dieser Tag – genauer gesagt die Nacht auf den 6. Januar – trägt eine Bedeutung, die weit älter ist als das Christentum. Seine Wurzeln reichen tief in jene Zeit zurück, in der der Mensch den Jahreslauf unmittelbar aus den Rhythmen der Natur verstand.

Das Ende der Rauhnächte

Die Rauhnächte gelten als eine besondere Zwischenzeit: Sie gehören weder dem alten Jahr an, noch gehören sie bereits dem neuen Jahr an. Ihr Ursprung liegt in der Differenz zwischen Mondjahr und Sonnenjahr. Während das Mondjahr rund 354 Tage zählt, umfasst das Sonnenjahr etwa 365 Tage. Die dabei entstehenden „überschüssigen“ Tage galten unseren Vorfahren als zeitlos – als eine Phase „zwischen den Jahren“.

In dieser Zeit, so der Volksglaube, sind die Schleier zwischen den Welten dünn. Grenzen lösen sich, Vergangenes klingt nach, Zukünftiges ist noch ungeformt. In der Nacht auf den 6. Januar enden die Rauhnächte. Diese Nacht schließt das offene Zeitfenster und führt die Welt in die Ordnung des neuen Jahres.

Frau Holle und Perchta ziehen durchs Land

Mit dem Ende der Rauhnächte verbindet sich auf mythologischer Ebene das Bild einer uralten Gestalt: der Weißen Frau, bekannt als Frau Holle, Berchta oder Perchta. Die weiße Frau Holle gilt in zahlreichen Mythen als Hüterin der Seelen. Ihr weißes Gewand ist dabei das Wintergewand der Natur, die Versinnbildlichung des wiederkehrenden hellen Lichtes, das sich im Schnee spiegelt. In vielen regionalen Sagen zieht sie genau in der Nacht auf den 6. Januar wirkmächtig durch das Land.

Holle/Perchta ist keine bloße Märchenfigur. Sie verkörpert eine im Jahreslauf tief verwurzelte Lebenskraft. Sie ist Schwellenhüterin und Segensbringerin, die besonders zwischen Alt und Neu, Vergehen und Werden, Winter und Wiederkehr wirkt. Mit ihr ziehen in der Nacht zum 6. Januar die Seelen der noch Ungeborenen umher, die sie in ihrem gütigen Schoß und unter ihrem weiten Mantel wohl hütet. So segnet die Holle in dieser Nacht Landschaft, Menschen, Tiere, Haus und Hof. Ihr Segen bedeutet Schutz und Fruchtbarkeit für den neuen Zyklus, sodass sich alles im neuen Jahr bestmöglich entfalten und erblühen kann.

Der Brauch des „Berchtentisches“

Die Sage „Das ausgeblasene Licht“ beschreibt eindrücklich die überlieferten rituellen Handlungen unserer Vorfahren in der Nacht zum 6. Januar: den sehr alten Brauch des Berchtentisches. So bereiteten unsere Vorfahren genau in dieser Nacht der Holle/Berchta einen liebevoll und reichlich gedeckten Tisch vor dem Haus. Auf ihm wurden eine Vielzahl an Speisen und Getränken für die Weiße Segensfrau und ihre Seelenschar dargebracht. Diese Gaben waren Zeichen des Dankes und der Anerkennung der größeren Wirkkräfte – und zugleich die Bitte um Segen für das neue Jahr. So legte man oft auch eine Pflugschar unter diesen Tisch, damit Frau Berchta diesen segne.
In diesem alten Brauch erkennen wir ein durch und durch als verbunden empfundenes Weltbild von Menschen und beseelter Natur.

Der 6. Januar im Christentum: Epiphanias und Sternsingen

Mit der Christianisierung wurde der 6. Januar zum Epiphaniasfest. Hier geht es nun nicht mehr um die Erscheinung der Holle, Perchta oder anderer urmütterlicher Gestalten. Denn das Epiphaniasfest wird gefeiert zu Ehren der „Erscheinung des Herrn“. Der heute an diesem Tag weit verbreitete Sternsingerbrauch entwickelte sich jedoch erst relativ spät, vermutlich erst ab dem 16. Jahrhundert.

Im Kern geht es beim Brauch des Sternsingens ebenfalls um den Segen, der in die Häuser gebracht wird. Kinder ziehen, verkleidet als die Heiligen Drei Könige, von Tür zu Tür und sammeln Gaben. Schließlich hinterlassen sie an der Türschwelle den Segen für Haus und Bewohner. Das Motiv des Segnens zu dieser Zeit kennen wir, wie oben beschrieben, bereits aus den vorchristlichen Vorstellungen rund um Holle und Perchta.

Die Heiligen Drei Könige – eine Spurensuche

In der Bibel selbst ist an keiner Stelle von drei Königen die Rede, sondern lediglich von Magiern aus dem Osten (Matthäus 2,1–12). Weder ihre Zahl noch ihre Namen sind dort festgelegt. Wie genau aus diesen Magiern im Volksbrauch die Drei Heiligen Könige wurden und wie diese zu ihren Namen kamen, ist deshalb eine spannende Frage. Die hier allseits bekannten Namen Caspar, Melchior und Balthasar scheinen zumindest regional begrenzt: In Syrien etwa heißen sie Larvandad, Hormisdas und Gushnasaph.

Recht deutlich finden sich tiefgehende Zusammenhänge hinter der Tatsache, dass die Heiligen Drei Könige im Volksbrauchtum stets zu dritt erscheinen und sehr oft in den Farben Rot, Weiß und Schwarz dargestellt werden. Dies sind die drei Farben, die in zahllosen Geschichten, Sagen und Mythen als heilige drei Farben der umfassenden, dreigestaltigen Muttergöttin vorkeltischer Zeit überliefert sind. So erscheint auch die Percht entweder in Weiß oder in ihren drei heiligen Farben Weiß, Rot und Schwarz. Diese Farben symbolisieren die Ganzheit von Geburt, Leben und Tod. Auch existierte in früheren Zeiten der Brauch, dass drei Frauen, gekleidet in weiß-rot-schwarzen Gewändern, zusammen mit dem Stern oder der neugeborenen Sonne, durch die Straßen ziehen, um Häuser zu segnen. Der Stern symbolisiert hier also die frohe Botschaft über die mit der Wintersonnenwende wiedergeborene Sonne.

C+M+B, Dreifrauenkult und die drei Bethen

Die Buchstaben C + M + B, die Sternsinger an die Türen schreiben, werden kirchlich oft als lateinischer Ausspruch „Christus mansionem benedicat“ („Christus segne dieses Haus“) oder als Initialen der drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar gedeutet. Volkskundlich betrachtet, lassen sich relativ leicht weitere Bedeutungsebenen erkennen. Denn die Initialen erinnern wohl nicht zufällig an die Namen der drei beliebten weiblichen Heiligen des Mittelalters: Katharina, Margaretha und Barbara. Der bekannte Volksspruch:

„Margaretha mit dem Wurm,
Barbara mit dem Turm,
Katharina mit dem Radl –
das sind die heiligen drei Madl“

bewahrt Symbole, die weit älter sind als ihre christliche Auslegung. Schlange, Turm (bzw. Kessel) und Rad verweisen auf Schöpfung, Wandlung und Schicksal.

Durch die Symbolik erkennen wir in diesem Spruch recht deutlich die alten Spuren des vorchristlichen Dreifrauenkultes. Margaretha mit dem Wurm identifiziert sich somit als die mythische Frau mit der Schlange, die Schöpferin von Welt und Kosmos. Barbara mit dem Turm ist häufig mit einem Kelch in der Hand zu sehen. Der Kelch ist (wie der Kessel) uraltes Transformationssymbol für den Schoß, aus dem alles vergangene Leben neu hervorgeht. Katharina mit dem Radl erinnert an eine der Schicksalsfrauen mit dem Spinnrad (das symbolische Rad des Lebens).

Ebenfalls gibt es eine alte Volksetymologie aus der Oberpfalz, welche die Kürzel C + M + B leicht humorvoll umdeutet. Demnach bedeuten diese Initialen „Cathl Machs Bett“. Bezeichnenderweise werden hier also nicht die Heiligen Drei Könige erwähnt, sondern Cathl, die Kurzform von Katharina. Das „Bett“ fügt sich ein in eine Reihe weiterer Volkserinnerungen wie „Bettlerfelsen“, „Bettlerstein“, „Bettlerinnen“, „Bettlerfrauen“. Diese in Fluren und Sagen vorkommenden Begrifflichkeiten gehen eindeutig auf den Wortstamm „Beth“ zurück und bezeichnen die alte, vorkeltische Landschaftsgöttin. Darüber hinaus stammt „Beth“ nach neueren Forschungen sehr wahrscheinlich aus dem Vorkeltischen und bedeutet „Frau“ oder „Schoß“. Meist erschien die Landschaftsgöttin Beth in ihrer Dreifaltigkeit als die drei Bethen mit Namen: Ambeth, Borbeth und Wilbeth. Diese wurden im späteren Verlauf der Geschichte „getauft“, also verchristlicht umbenannt in oben beschriebene Katharina, Margaretha und Barbara.

Essenz des 6. Januar – Der Segen zum Mitwirken

Der 6. Januar ist weit mehr als ein historischer oder kirchlicher Gedenktag. Er ist ein uralter Schwellentag, dessen Wurzeln bis in die frühesten naturverbundenen Kulturen zurückreichen. Ob im christlichen Kontext oder in den alten Mythen – im Kern geht es immer um Segen für den neuen Lebens- und Jahreszyklus.

Doch die Rückbindung an die alten Naturbilder verändert, wie wir diesen Segen verstehen. Er ist nicht nur etwas, das wir passiv von außen empfangen. Wenn wir uns mit den Bildern aus Sagen und Mythen verbinden, treten wir in Beziehung zu jenen Kräften, die schon unsere Vorfahren unmittelbar aus der Natur heraus erkannt haben: zu den Rhythmen von Werden und Vergehen, von Dunkelheit und Licht, von Tod und Wiederkehr.

In diesem Verständnis erkennen wir unseren Platz im großen Gefüge des Lebens. Wir stehen nicht am Rand, sondern wirken mit. Mit dem Segen des Lebens sind wir gerufen, unseren Teil dazu beizutragen, dass sich Leben in all seinem Potenzial entfalten kann.

Wir erkennen die größeren Wirkkräfte, die uns nähren und tragen, dankbar und vertrauensvoll an – und ordnen uns zugleich bewusst in die natürlichen Gesetzmäßigkeiten ein. Gerade darin sind wir gehalten, geschützt und wohlbehütet innerhalb der großen Ordnung des Lebens, die nicht gegen uns wirkt, sondern uns trägt, solange wir uns als Teil von ihr verstehen.

So wird der Segen des 6. Januar zu einem Akt gelebter Verbundenheit: zwischen Mensch und Erde, zwischen dem Jahreslauf und dem eigenen Dasein, zwischen Empfangen und Mitgestalten im lebendigen Gefüge des Lebens.

Willkommen im Kreis

In meinen Naturritualen im Jahreskreis fügen wir uns zu allen jahreszeitlichen Schwellenpunkten bewusst in die große natürliche Ordnung und ihre Rhythmen ein. Wenn du Lust hast, dies im Kreis einer Gemeinschaft zu erleben, bist du sehr herzlich willkommen. Aktuelle Termine und Möglichkeiten sowie weitere Infos dazu findest Du hier.

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Über die Autorin

Ich bin Katja – ich begleite Menschen, die sich vom Ruf der Natur leiten lassen und in Wandlungsphasen Halt und Orientierung suchen. Ich arbeite mit dem Lebensrad nach Seghezzi, einer naturzyklischen Landkarte, und unterstütze Dich gerne dabei, Dich tief mit den natürlichen Zyklen und Dir selbst zu verbinden.

Ich biete Jahreskreis-Naturrituale, individuelle Naturrituale und naturmystische Seminare an, die Raum für persönliche Entwicklung und das Erleben von Verbundenheit schaffen.

In meinem Blog teile ich Impulse zu Natur, Lebenszyklen und spiritueller Ausrichtung.

1 Kommentar

  1. Liebe Katja, danke dir für diesen Artikel. so viel gebündeltes Wissen!
    Liebe Grüße!

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