Das Lichterfest Anfang Februar markiert im Jahreslauf einen stillen und doch kraftvollen, Übergang und Neubeginn. Der Winter ist noch präsent, die Landschaft oft besonders karg und frostig, und doch hat sich etwas Grundlegendes verschoben: Das Licht ist zurückgekehrt. Die Tage sind spürbar länger geworden, die Sonne gewinnt an Kraft, und dicht unter der Oberfläche beginnt sich neues Leben zu regen, das in den ersten Frühblühern bereits sichtbar wird.
Dieser Zeitpunkt wurde in vielen alten Kulturen bewusst wahrgenommen und zelebriert. Im keltischen Raum ist dieses Fest als Imbolc überliefert, im christlichen Kalender wurde es zu Mariä Lichtmess. Beide Feste wurzeln in derselben Erfahrung: der Wiederkehr des Lichts und dem beginnenden Durchbruch eines neuen Lebenszyklus.
Das Neue will Gestalt annehmen
Im europäischen Lebensrad markiert Imbolc den frühen Beginn des Frühlings. Es ist eine Energie, die sich deutlich von der Frühlingskraft Ende März oder im April unterscheidet. Nicht das sichtbare Erblühen und nicht die Vielfalt an Farben stehen im Vordergrund, sondern der Moment, in dem das Leben aus der Tiefe heraus wieder in Bewegung kommt. Was im Schoß der Erde während der dunklen Zeit geruht und sich gewandelt hat, richtet sich nun auf die Geburt in die Welt aus und strebt empor. Dieser Prozess geschieht zunächst leise, unauffällig und doch kraftvoll und unumkehrbar. Imbolc markiert damit den Übergang von reiner Potenzialität zur beginnenden Gestaltwerdung.
Brigid – Quelle der Inspiration und Gestaltwerdung
Auch alte Mythenbilder erzählen vom aufsteigenden Licht, das aus der Tiefe hervortritt und beginnt, Form anzunehmen. Im keltischen Raum war Imbolc der Göttin Brigid geweiht. Ähnlich dem Namen „Holle“ wird auch Brigid mit Helligkeit und Erhabenheit in Verbindung gebracht.
In irischen Überlieferungen erscheint Brigid als Gestalt des Übergangs von Winter zu Frühling und als verjüngte Erdgöttin. Wie die walisische Erdgöttin Cerridwen mit ihrem Kessel der Awen (Kessel der Inspiration) wird auch Brigid als Quelle der Inspiration verstanden. Frühmittelalterliche Texte berichten, dass aus Brigid ein Feuer aufstieg, das Himmel und Erde verband, ohne zu zerstören.
Brigid steht damit für das Entzünden der inneren Flamme von Kreativität und Wissen. Als Göttin der Poesie, Dichtung, Heilung und des heiligen Feuers verkörpert sie die schöpferische Lebenskraft. In diesem Sinne ist sie in den irischen Überlieferungen auch mit der Schmiedekunst verbunden. Das Schmiedefeuer steht dabei für den Ort der Gestaltwerdung, an dem neue Schöpfung im Licht des Feuers konkret sichtbar wird.
Im weiteren Sinne handelt es sich beim Schmieden, Dichten und Heilen um Künste der Gestaltwerdung: Ein Schmied formt Materie, ein Dichter formt Sprache, ein Heiler formt Lebenskraft. Brigid wacht über diese Gewerke als inspirierende Kraft.
Die Birke – Baum des Anfangs und der Reinigung
Eng mit Brigid verbunden ist die Birke, ein Baum, der in vielen alten Kulturen als heiliger Begleiter des Neubeginns galt. Als sogenanntes Pioniergehölz ist sie oft die erste, die brachliegende Flächen besiedelt. Sie bereitet den Boden für andere Pflanzen vor, verbessert die Erde und schafft Raum für neues Wachstum. Frühlingszeremonien zu Ehren von Brigid fanden traditionell in Birkenhainen statt.
Die auffallend weiße Rinde der Birke macht sie zum sichtbaren Spiegel des Lichts. Schon sprachlich weist ihr Name darauf hin: Das althochdeutsche bircha bedeutet „glänzend, weiß“. In der oghamischen Schrift des alten Irlands ist die Birke der erste Buchstabe – ein deutlicher Hinweis auf ihre Bedeutung als Baum des Anfangs.
Als Baum des Neubeginns gilt die Birke außerdem als besonders geeignet zur Reinigung – sowohl auf körperlicher als auch auf energetischer und seelischer Ebene. Traditionell wurde mit Birkenreisig Haus und Hof gefegt, Menschen und Tiere zur Vitalisierung mit Birkenruten berührt. Den Stoffwechsel anregen können wir besonders gut mit Birkenwasser und Birkensaft: Sie unterstützen Leber und Nieren und helfen dem Körper, sich nach der schweren Winterzeit neu auszurichten. Körpersäfte kommen wieder in Bewegung und bereiten den Organismus auf die kommende Frischkost des Frühlings und Sommers vor.
Alte Bräuche – gelebte Naturerfahrung
Die zu Imbolc überlieferten Bräuche unserer Vorfahren sind Ausdruck eingehender Naturbeobachtung sowie einer tief empfundenen und gelebten Naturverbundenheit.
Brigittenkreuze
Aus der letzten Garbe der vergangenen Ernte werden traditionell sogenannte Brigittenkreuze gebunden. Das Korn des alten Jahres wird hier nicht verworfen, sondern verwandelt. Das Kreuz steht für das Licht, das aus dem Vergangenen neu geboren wird. Die Tatsache, dass diese Kreuze stets aus der letzten Ernte des vorigen Jahres gefertigt werden, verweist auf den zyklischen Zusammenhang, dass Neues aus dem Tod des Alten entsteht.
Birkenbesen
Mit Birkenreisigbesen fegen wir traditionell Anfang Februar, zum Fest der Brigid, rituell den Geist des alten Jahres aus dem Haus. Der Besen wird anschließend oft als Schutzzeichen über der Eingangstür oder am Dachgiebel aufgehängt. Das Fegen dient nicht nur der äußeren Ordnung, sondern ist ein bewusstes Zeichen, Haus und Seele für das neue Jahr zu öffnen – energetisch wie ganz praktisch.
Gegenstände aus Birkenholz und Birkenrinde
Die Tradition, aus Birkenrinde Hütchen, Gefäße und kleine Behältnisse zu fertigen, ist gut belegt. Aufgrund ihrer schützenden und konservierenden Eigenschaften fand Birkenrinde schon in früherer Zeit nicht nur im Alltag, sondern auch in besonderen Übergangssituationen Verwendung.
Archäologische Funde aus nördlichen Regionen zeigen, dass Birkenrinde teils auch im Bestattungskontext eingesetzt wurde. In späteren Deutungen und volkskundlichen Vorstellungen wird die Birke daher mit Schutz, Übergang, Neubeginn und Schwellenräumen verbunden.
Auch die Verwendung von Birkenholz für Kinderwiegen ist kulturhistorisch belegt. In einer symbolischen Deutung lässt sich diese Praxis mit Brigid verbinden, die als Hüterin des Übergangs, der Geburt und des neu beginnenden Lebens verstanden wird.
Das rituelle Sammeln von kleineren Stücken Birkenrinde mit denen wir uns selbst oder Haus und Heim schmücken, verbindet uns mit der Kraft der Birke und der Brigid
Schneeglöckchen
Zu Imbolc tragen in Irland traditionell weiß gekleidete Mädchen die ersten Frühlingsblumen von Haus zu Haus. Dabei handelt es sich um das Schneeglöckchen, die Brigid geweihte Blume. Es kündigt das neu durchstrebende Leben an – still, unscheinbar und doch kraftvoll.
Das Verschenken, Pflanzen im Garten oder Aufsuchen von Schneeglöckchen in freier Natur als bewusste Handlung passt also besonders gut in die Zeit rund um das Lichterfest.
Weiße Kerze
Zu Imbolc werden traditionell geweihte weiße Kerzen entzündet, um das neu aufkommende Licht des Jahres zu ehren.
Zu früheren Zeiten spielte weniger die Kerze als vielmehr das Herdfeuer als Herz des Hauses eine zentrale Rolle. In vielen Kulturen des keltischen Raums ist der Brauch bekannt, dieses Feuer zu Imbolc zu erneuern – also zu löschen und neu zu entzünden – als Zeichen von Reinigung und Neubeginn.
Über Jahrhunderte hinweg wurde ein Feuer im Heiligtum der Brigid in Kildare (Irland) bewahrt und gehütet. Es war Sinnbild die Kontinuität des ewigen Lebenslichts durch die Zeit hindurch.
Weiße Kerzen verstehen wir heute als die kleine, häusliche Form dieses Feuers: ein Licht, das bewusst zu Imbolc entzündet wird und den Menschen durch das Jahr begleiten kann. Besonders in Übergangsphasen, wenn Inspiration, Kreativität und Lebenskraft benötigt werden, kann diese Kerze immer wieder neu entzündet werden.
Den Übergang in Gemeinschaft gestalten
Das Lichterfest erinnert uns daran, dass Neubeginn nicht laut geschieht, sondern leise, aus der Tiefe heraus. Das Licht ist bereits da – doch es braucht Achtsamkeit, um wahrzunehmen, was sich im eigenen Inneren zu regen beginnt und Gestalt annehmen möchte. Die alten Bilder und Bräuche laden uns ein, uns bewusst in diesen Übergang einzustimmen.
In meinen Naturritualen im Jahreskreis greifen wir genau diese Schwellenzeiten auf. In Gemeinschaft treten wir in Beziehung zu den natürlichen Rhythmen, zu den Kräften des Wandels und der Erneuerung.
So wird das Licht von Imbolc nicht bloß erinnert, sondern im eigenen Tun, Lauschen und Mitwirken lebendig – als tragende Verbindung zwischen Mensch, Natur und dem fortlaufenden Kreislauf des Lebens.
Wenn du Lust hast, diesen besonderen Jahreskreisübergang im Kreis einer Gemeinschaft zu begehen, bist du sehr herzlich willkommen.
Aktuelle Termine und Möglichkeiten sowie weitere Infos dazu findest du hier.
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