Die Tränenfee

Vor vielen Jahren wurde einem Bauern ein Mädchen geboren. Als es getauft wurde kamen auch Feen zur Feier und wollten das Kind reichlich beschenken. Die erste Fee verhieß dem Mädchen Schönheit. Die nächste versprach dem Kind ein Leben in Reichtum. Die dritte war eine Tränenfee: Sie wollte das Mädchen mit der Fähigkeit des Weinens und dem Geschenk der Tränen segnen. Doch die Eltern lehnten dieses Geschenk ab und schickten die Tränenfee entschlossen fort. Ihr Kind sollte im Leben keine einzige Träne vergießen müssen. Zwar hatte die Fee ihnen zu verstehen gegeben, dass Tränen die Fähigkeit besitzen, das Herz zu erleichtern; die Eltern jedoch wollten davon nichts hören.

Aus dem Kinde wurde mit der Zeit ein wunderschönes junges Mädchen. Doch es fehlte ihm an Empfindung und Gefühl und niemals sah man sie weinen, weder aus Freude noch aus Leid. Eines Tages aber hielt eine junger Ritter um die Hand der schönen Bauerntochter an. Er erblickte sie auf der Alm und war geblendet von ihrer Schönheit; so geschah es, dass sie des Ritters Gemahlin wurde und sie in großem Reichtum auf seiner Burg lebten.

Doch das Glück des jungen Paares auf der Burg hielt nicht lange an. Der Ritter war bald lieber auf der Jagd im Wald als bei seiner Frau auf der Burg; mehr und mehr erschien sie ihm so unnahbar und kalt. Sie war stets freundlich und wirkte doch so herzlos. Die Frau bemerkte wohl, dass sich mit der Zeit alle um sie herum von ihr abwandten, doch weinen konnte sie nicht.

Eines Nachts, als draußen ein großes Unwetter tobte, lief sie in ihrer Trübseligkeit hinaus zum Weiher und wollte ihrem Leben entschlossen ein Ende setzen. Und siehe! Blitzartig stieg da die Tränenfee aus dem tosenden Wasser auf. Die Fee berichtete der Frau von den Geschehnissen an ihrer Taufe. Dann sprach sie: „Die Menschen meiden dich nicht aus Boshaftigkeit, sie tun es weil deine Gemütsleere sie ängstigt. Schönheit und Reichtum allein können Herzen nicht bezwingen, dir fehlt es an Empfindung. So möchte ich dir nun heute die Gabe der Tränen schenken.“ Die Fee näherte sich langsam und erhob ihre Arme. Dann strich sie der Frau sanft über die Augen bevor sie wieder umdrehte und in den Wellen verschwand.

Die Frau begab sich nun wieder zurück zur Burg und denkt euch: zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie weinen! Die Tränen liefen über ihre Wangen, fielen zu Boden und verwandelten sich dort in ein Meer von Perlen. Nach drei Tagen gab sich die Fee der Frau nochmals zu erkennen und sprach: „Diese Perlen sind kostbar! Ziehe sie auf ein Band und lege es dir um deinen Hals. Bereits morgen kehrt dein Gemahl von der Jagd zurück und du wirst sehen: Die Perlen werden deine Schönheit noch vergrößern.“

Die Frau tat genau so, wie die Fee ihr aufgetragen hatte. Als ihr Mann sie am nächsten Tag sah, da musste er zweimal hinschauen. Denn es schimmerte nun ein geheimnisvoller Glanz in ihren Augen und seine Frau schien ihm noch viel schöner als zuvor. Der Ritter umfing sie liebevoll mit seinen Armen und von der Zeit an, da die Frau ihr Gefühl erlangt hatte, da zogen auch das Glück und die Freude auf der edlen Burg ein.

(Märchen aus dem Elsass)

Tränen erleichtern und wirken emotional reinigend, sie stehen symbolisch jedoch noch für viel mehr, nämlich für das gesamte Gefühlswesen eines Menschen, für die Fähigkeit tiefe Gefühle empfinden zu können. Im Märchen wird ganz klar: Freudvolle und leidvolle Gefühle können nicht als voneinander getrennt betrachtet werden. Entweder ich lebe meine Fähigkeit des Fühlens und werde damit alle Gefühle, „schöne“ und „unschöne“, erfahren. Oder ich bin des Fühlens nicht fähig, bin von meinem Gefühlswesen abgeschnitten und befinde ich mich in einem eher neutralen und abgekapselten Raum. Dann jedoch werde ich weder die schmerzhaften noch die freudvollen Erfahrungen empfinden. In diesem neutralen Zustand habe ich, wie im Märchen beschrieben, kaum eine wahrhaftige Verbindung zu den Menschen um mich herum. Und natürlich habe ich dann auch keine Verbindung zu mir selbst, da ich mich ja nicht fühlen kann. Die Botschaft des Märchens ist also: Lerne alle Gefühle wertzuschätzen, weil sie so bedeutend, so grundlegend für unser Leben sind und weil sie das Leben vielleicht sogar erst lebenswert machen.

Für mein Empfinden können wir besonders tiefe Erfahrungen mit Märchen machen, wenn wir sie intuitiv auf uns wirken lassen und uns dafür öffnen hinter die Geschichte zu schauen und ehrlich zu fragen: Wo und in welchem Maße finde ich die verschiedenen Charaktere als Anteile in mir? Wie spiegelt mir diese Geschichte mein eigenes Inneres?
Hier meine Anregung zu diesem wundervollen Märchen:

Die Eltern des Mädchens lehnen die Tränenfee und ihr Geschenk für das Kind ab, setzen die Fee sogar vor die Türe. Ihr Kind solle niemals Tränen vergießen müssen, sagen sie und assoziieren damit scheinbar, dass ihr Kind vor allem Tränen der Trauer und des Leides vergießen würde. „Wenn unser Kind weinen kann, wenn es der Empfindung und des tiefen Fühlens fähig wird, so wird es verletzt werden und traurig sein – und das soll niemals geschehen“, so könnte man die Eltern reden hören. Dadurch, dass sie sich gegen die Gabe der Tränen und des Fühlens für ihr Kind entschieden haben, haben sie ihr Kind automatisch auch von den glücklichen, freudvollen und liebevollen Gefühlserlebnissen abgeschnitten. Was steckt wirklich hinter der Entscheidung der Eltern? Die tieferliegende Motivation ist höchstwahrscheinlich ihre eigene Angst. Intuitiv wissen sie um ihre eigenen traurigen oder schmerzhaften Gefühlserlebnisse und haben Angst, durch ihr Kind noch einmal in das Erleben derselben zu geraten. Womöglich würden sie z.B. durch die Traurigkeit ihres Kindes an ihre eigene Traurigkeit erinnert werden? Womöglich haben sie Angst, es nicht erTRAGEN, es nicht ausHALTEN zu können, ihr eigenes Kind traurig oder betrübt zu erleben? Vielleicht, weil sie noch nicht einmal wissen, wie sie ihre eigene Traurigkeit tragen und halten können?

Wo finde ich mich hier wieder?
Wo beispielsweise versuche ich oder habe ich schon einmal versucht, mir nahestehende Menschen von etwas fern zu halten, ihnen z.B. Entscheidungen oder Handlungen abzunehmen um sie vor vermeintlich unschönen Erfahrungen und Erlebnissen zu schützen?
Wo ist oder war es meine eigene Angst vor der Konfrontation mit meiner Verletzung, meiner Traurigkeit oder meinem Verlusterlebnis, die mein Handeln steuert(e)?
Oder geschieht es mir gar selbst in meinem Leben, dass andere Menschen für mich Entscheidungen treffen, für mich Handeln um mir „Gutes tun zu wollen“, ich mich dadurch jedoch eingeschränkt und unfrei fühle?
Kann ich die dahinterliegende Motivation des anderen erkennen und ohne Verurteilung mein Herz für diese Person öffnen? Gelingt es mir dann, dies als Chance zu begreifen, selbst Meister/in meines Lebens zu werden?

Die Frau die nicht weinen kann, steckt fest in einem Zustand der Depression und Resignation. Sie hat keinen wahren Kontakt zu ihrem Mann und wird von ihrem Umfeld gemieden. Ein wichtiger Punkt ist hier die Erkenntnis, welche mit dem Auftauchen der Tränenfee kommt: Es liegt an ihr! Hier geht es ganz und gar nicht um Schuldzuweisung, sondern um Übernahme der Verantwortung und darum, das Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Als sie ein Kind war, haben ihre Eltern für sie entschieden und die Fähigkeit des Weinens für sie abgelehnt. So war der Verlauf ihres Lebens zunächst von der Entscheidung und Handlung ihrer Eltern abhängig, sie hatte zumindest keine bewusste Wahl. Nun jedoch ist der Punkt gekommen, an dem sie selbst entscheiden kann: Nimmt sie die Gabe der Tränenfee an oder nicht? Die Fee offenbart der Frau ihre wahre Geschichte und erklärt die Absicht, sie nun mit der Gabe der Tränen segnen zu wollen. Dies ist der Zeitpunkt, an dem die Frau entscheidet! Läuft sie weg oder verweist die Tränenfee gar des Platzes, so wie es ihre Eltern damals taten? Oder möchte sie diese Gelegenheit als Chance erkennen und nimmt die Gabe des Fühlens jetzt an? Für mich ist es an dieser Stelle durchaus eine bewusste Entscheidung der Frau, das Geschenk der Tränen anzunehmen. Damit übernimmt sie Verantwortung für ihr Leben und ändert dadurch letztlich die Beziehung zu ihrem Mann und ihrem Umfeld.

Wo finde ich mich hier wieder?
Wo in meinem Leben gab es schon einen (Wende-)Punkt, an dem ich bewusst Verantwortung übernehmen und entscheiden konnte, einen anderen Weg einzuschlagen?
Wo wurde mir die Möglichkeit geschenkt, es anders zu machen, den mir vorgegebenen Pfad zu verlassen?
Habe ich diese Gelegenheit erkannt und genutzt?
Wo bin ich selbst manchmal nicht mit meinen Gefühlen in Verbindung? Fällt es mir z.B. schwer, in bestimmten Situationen Freude oder Trauer zu empfinden?

Die Tränenfee ist eine Helferin und Schicksalsfrau. Sie möchte das Kind mit der wichtigen Gabe der Tränen segnen, um dem Mädchen ein glückliches Leben zu ermöglichen. Als sie jedoch von den Eltern abgewiesen wird, zieht sie sich ohne große Aufruhr oder Diskussion zurück. Auch wenn sie um die Bedeutung und Wichtigkeit ihrer Gabe weiß, so respektiert sie doch die Entscheidung der Eltern und wird nicht übergriffig. Auch beweist sie Größe und Weisheit, da sie angesichts der Ablehnung weder trotzig oder gar motzig reagiert, sondern sich einfach im Frieden zurückzieht und dennoch im Hintergrund präsent bleibt, um später im richtigen Moment wieder auf zu tauchen und der Frau abermals das Geschenk der Tränen anzubieten. Die Fee nimmt sich und ihre persönlichen Befindlichkeiten damit zurück und stellt ihr Handeln ganz in den Dienst der Frau. Es geht der Fee wahrhaftig darum Gutes zu tun. Sie legt damit auch den wahren Geist eines Geschenkes dar, bei dem ich es nämlich dem anderen überlasse ob er dies als etwas Gutes für sich annehmen möchte oder nicht. Es besteht keine Verpflichtung ein Geschenk anzunehmen, nur um mein Gegenüber nicht zu verletzen.

Wo finde ich mich hier wieder?
Wo in meinem Leben wollte ich schon einmal anderen helfen, andere beschenken oder jemanden etwas Gutes tun, jedoch wurde meine Hilfe, mein Angebot oder mein Geschenk von meinem Gegenüber zurückgewiesen?
Wie erging es mir damit? Habe ich mich verletzt gefühlt? Bin ich mit dieser Verletzung in eine Abwehrhaltung oder Auseinandersetzung gegangen oder konnte ich mit meiner Verletzung ganz bei mir bleiben und im Frieden sein?

ALOHA und eine gesgnete Zeit für Dich.


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Katja Jung
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